Ein Museumsdorf: Hessenpark 1 / Hasan Çağlayan

Der September neigt sich dem Ende zu. Manche Bäume beginnen sich zu röten, andere zu vergilben und ihre Blätter fallen bereits. Ja, man kann sagen: In diesem Land ist der September von Kopf bis Fuß ein Wandel der Farben. Doch keineswegs eintönig. An ein und demselben Baum zeigen sich gleichzeitig mehrere Farbtöne. Diese Buntheit, die vor allem den ganzen Oktober hindurch zu beobachten ist, kündigt mit ihrem allmählichen Verlöschen auch das Ende der herbstlichen Herrschaft an. Zum Glück gibt es immergrüne Bäume. Sie sind mir den ganzen Winter über ein Trost.

Ein Naturpark: der Taunus

Sowohl in den Straßen der Stadt als auch an Hängen und auf Hügeln sind es die farbenprächtigen Bäume, die man wohl als den schönsten natürlichen Schmuck dieses Landes und des Taunus bezeichnen kann. Dieser „Naturpark“, der sich von Bad Nauheim bis nach Mainz erstreckt, beherbergt zahlreiche Baumarten: von der Buche bis zur Hainbuche, von der Eiche bis zum Ahorn, von der Kiefer bis zur Fichte. Besonders entlang der Straßenränder und in den Parks sind Rosskastanien und Linden reichlich vertreten. Deshalb gleicht der Taunus einem Garten der Ruhe.
Auch die wild wachsenden Sauerkirschen und Pflaumen, die im Frühling mit ihren weißen Blüten auffallen, fehlen hier nicht. Je nach Gegend trifft man zudem auf Kastanien, Walnüsse, Brombeeren, Himbeeren und Hagebutten in großer Fülle. Durch den Wald ziehen sich zahlreiche Wanderwege und Fahrradstrecken. In dieser Umgebung, in der ich gelegentlich wandere oder Rad fahre, bieten die Dörfer mitunter märchenhafte Anblicke – als wären sie eigens für den Tourismus entworfen.
Vielleicht ist es gerade deshalb so, dass selbst Kaiser Wilhelm II. häufig hierherkam und auf dem Feldberg einen Aussichtsturm errichten ließ. Und sollte ein Dichter wie Goethe da etwa fernbleiben? Auch er gehörte zu jenen, die diesen Berg beehrten. Wenn man seinen Aufzeichnungen im berühmten “Frankfurter Reisebericht” folgt, dann war sogar Haşim hier. Und wer weiß, wie viele andere vor ihnen kamen und wieder gingen.

Eine bedeutsame Einladung

So werden wir an den letzten Tagen des Septembers auf Einladung unserer Famillienfreundin und Gesprächspartnerin Frau Sabine Frank, die selbst Türkisch lernt, den Hessenpark besuchen. Dieses Museumsdorf, das ich zuvor schon mit meinen Freunden aus Cizlavet – Herrn Gökhan, Herrn Yaşar und Herrn Kenan – besichtigt hatte, wollte ich erneut sehen. Denn diesmal werde ich die Gelegenheit haben, es mit jemandem zu erkunden, der die Kultur, in der wir leben, sehr gut kennt. Für mich ist dies eine Gelegenheit zum Schreiben, für meine Familie ein Wochenendausflug. Ich bin überzeugt, dass sich diesmal viele Details zeigen werden, die ich zuvor gesehen, aber nicht wahrgenommen habe – und dass ich sie nun festhalten kann.

Ein schöner Tag

Nach dem Frühstück traten wir vor das Haus. Sabine wird um elf Uhr kommen, und von dort aus werden wir gemeinsam weiterfahren. Das Wetter ist ausgesprochen schön – zumindest wird es nicht regnen. Bei Regen ist es kaum möglich, sich im Freien aufzuhalten oder zu verweilen, ganz abgesehen von den Unannehmlichkeiten des Nasswerdens. Auch wenn man in Deutschland das Haus gewöhnlich mit passender Kleidung und einem Regenschirm verlässt, haben wir heute keinen mitgenommen.

Eine wertvolle Freundin

Endlich kam Sabine. Man kann sagen, dass sie inzwischen zu unserer Familie gehört. Sie ist nicht nur eine Freundin, sondern vielmehr eine Art Familienälteste, fast wie eine Mutter – wir haben sie sehr lieb. Denn sowohl meine Frau als auch ich leben fern unserer eigenen Familien. Ich selbst habe seit drei Jahren weder meinen Sohn noch meine Eltern oder Geschwister gesehen. Vielleicht ist es gerade deshalb so, dass Sabine für uns zu einer Familie geworden ist.

Herbstfarben unterwegs

Wir sind unterwegs. Der herbstliche Hauch hat die Landschaft bereits erfasst. Die Bäume scheinen die Tage bis zu ihrer großen visuellen Aufführung zu zählen. Manche haben sogar schon vorgegriffen und sich in zartes Rosa, leuchtendes Gelb oder tiefes Rot gehüllt. Solch farbenprächtige Blätter, wie ich sie aus Dokumentarfilmen kannte, habe ich erst nach meiner Ankunft in diesem Land aus nächster Nähe gesehen. Es ist eine Schönheit, die beinahe einem Brand gleicht – eine schillernde, festliche Pracht, die den Blick fesselt.
Nach einigen Windungen erreichten wir den Hessenpark. Er liegt in der Nähe von Neu-Anspach, an den südlichen Ausläufern des Großen Feldbergs. Da diese Gegend sowohl natürliche Mischwälder als auch offene ländliche Landschaften vereint, gleicht das Beobachten der Herbstfarben hier dem Betrachten eines poetischen Gemäldes. Als mir Haşims Satz in den Sinn kam – „In dieser kühlen herbstlichen Dämmerung, die an das Zwielicht des Abends erinnerte, versanken wir staunend im Anblick dieses imaginären goldenen Feuers“ –, konnte ich nicht umhin zu denken: Wie hätten wohl andere Dichter, die wir lieben, diesen Ort gesehen, und was hätten sie darüber gesagt?

Ein Museumsdorf

Der Hessenpark liegt ganz in der Nähe des Dorfes, in dem ich lebe. Doch er unterscheidet sich von allen Museen, die ich bisher gesehen habe. Denn dieser Ort ist als ein Museumsdorf konzipiert. Wie sehr man von solchen Orten profitiert, hängt letztlich von der eigenen Perspektive ab.
Man sagt ja: „Das Auge ist blind für das Nahe.“ Gerade deshalb erfordert es mehr Aufmerksamkeit, das Nahe wahrzunehmen. Denn was etwas bedeutungsvoll macht, ist unsere Sichtweise. Wie und von wo aus schauen wir auf etwas? Welche Gefühle und Gedanken weckt es in uns? Zu welchen Träumen und Horizonten führen uns die Orte, die wir besuchen? All das ist wichtig.
Jedes Museum enthält zahlreiche wissenschaftliche und kulturelle Daten – von Geschichte über Philosophie bis hin zur Soziologie. Orte wie dieser, an denen Folklore und Ästhetik mit der Natur zusammentreffen, sind umso wertvoller. Man kann sich plötzlich mitten in der Geschichte wiederfinden. Genau deshalb sind Museen kulturelle Schatzkammern. Doch nur in dem Maße, in dem wir sehen und fühlen können, werden wir Teil davon.
Offen gesagt gehe ich mit dem Fokus auf Sehen und Fühlen durch diese Räume. Ich kann nicht anders, als zu staunen, in Gedanken zu versinken und manchmal auch bewegt zu sein. Denn hier sprechen viele menschliche Erinnerungen still zu uns.

Ein Druckereihäuschen

Wir kauften unsere Eintrittskarten und begannen unseren Rundgang zuerst in Melgershausen, gleich rechts vom Eingang. Dieser Ort ist als Druckereihäuschen gestaltet. In gewisser Weise kann man ihn als Gedenkort für Johannes Gutenberg und die erste moderne Druckerpresse betrachten. Denn die Druckerei hat nicht nur Deutschland, sondern als Auslöser für die Renaissance, die Reformation und die Aufklärung auch die ganze Welt beeinflusst. Es ist beeindruckend, einen so bedeutenden Schritt zu machen.
Einen so bedeutungsvollen Ort zu betreten, wirkt auf den Menschen beeindruckend. Bei unserem früheren Besuch waren in allen Räumen Mitarbeitende anwesend. Wir hatten die Gelegenheit, ihnen zuzuhören und den Maschinen bei ihrer Arbeit zuzusehen. Dieses Mal sehe ich nur eine Mitarbeiterin, mit der wir ins Gespräch kommen.
Wenn man mit der Absicht des Schreibens unterwegs ist, entdeckt man andere Details. Die aus Blei gefertigten Setzbuchstaben und das Schaubild eines Stammbaums gehören dazu. Ich erinnere mich: Im Jahr 2001, an meiner ersten Arbeitsstelle, wurden meine Artikel und Gedichte für die Lokalzeitung in genau solchen Druckereien und mit dieser Art von Satz gedruckt. Ich hatte sogar miterlebt, wie ein Text Buchstabe für Buchstabe gesetzt wurde. Das habe ich nicht vergessen.

Nicht Gold, sondern Blei

Wieder mache ich Fotos und nutze die Bildübersetzungsfunktion von Google Lens – sehr hilfreich. Auf Karten und Tafeln stehen bemerkenswerte Sätze. Zwei davon fallen mir besonders auf. Der erste lautet:
„Ich habe keine Zeit, mich zu beeilen.“
Der zweite:
„Zeit gehört zu den Dingen, mit denen man sorgfältig umgehen muss; man darf sie nicht verschwenden.“
Doch mehr als diese Aussagen zieht mich ein Zitat von Georg Christoph Lichtenberg in seinen Bann:
„Mehr als das Gold hat das Blei die Welt verändert, und mehr als das Blei in der Flinte das Blei im Setzkasten.“
Die Zeit ist Zeugin dieses bedeutungsschweren Satzes gewesen – und ist es noch immer. Die Geschichte interpretiert sich selbst unaufhörlich neu.

Nicht die Kugel, sondern die Tinte

Ähnliche Gedanken wurden im Laufe der Geschichte oft geäußert:
„Ein Tropfen Tinte kann eine Million Menschen zum Denken bringen.“ (Lord Byron)
„Die Tinte der Gelehrten ist verdienstvoller als das Blut der Märtyrer.“ (Hadith)
„Die Feder ist mächtiger als das Schwert.“ (Bulwer Lytton)
„Die Feder ist die Zunge des Verstandes.“ (Cervantes)
„Die Welt wird von Feder, Tinte und Papier regiert.“ (James Howell)
„Ein Stift ist das vollkommenste Werkzeug, um die Aufmerksamkeit eines Menschen zu bündeln und seine Leidenschaft zu entfachen.“ (John Adams)
„Ein Stift, der das Papier berührt, entfacht mehr Brände als ein Streichholz.“ (Malcolm S. Forbes)
„Es gibt zwei große Mächte in der Welt: das Schwert und die Feder; doch die Macht des Schwertes wird am Ende von der Macht der Feder besiegt.“ (Napoleon Bonaparte)
Vielleicht liegt genau darin der Grund, warum Diktatoren und Tyrannen Feinde der Intellektuellen sind.

Die Etage des Radiomuseums

Wir gehen nach oben. Hier werden verschiedene Radiogeräte und zahlreiche Kommunikationsmittel ausgestellt. Sabine macht mich auf ein Bild aufmerksam.
„Dieses Bild zeigt, wie Hitler das Radio als Propagandainstrument missbraucht hat“, sagt sie.
Auch wenn heute das Internet das wirkungsvollste Kommunikationsmittel ist, haben Radio und Fernsehen – gerade weil sie auch über das Internet senden – ihre Bedeutung nicht verloren, sondern sogar gesteigert. Je nach Absicht und Ziel können diese Erfindungen ganz unterschiedliche Wirkungen entfalten.

Statussymbole

Die obere Etage des Radiomuseums ist als beispielhaftes Wohnzimmer gestaltet: Sessel, Kissen, ein orientalischer Teppich, die erste Version der Rollschuhe, eine Aktentasche, ein Wählscheibentelefon, eine Kamera, ein kleiner Fernseher, ein Plattenspieler.
Ein Kohleofen, ein Heizlüfter für kalte Wintertage, dazu ein Couchtisch mit einer Karaffe für Erfrischungsgetränke, Gläsern, kleinen Snacks und einem Aschenbecher.
Dies könnte das Wohnzimmer einer wohlhabenden Familie jener Zeit sein. Sabine zeigt auf eine Stehlampe. „Sehr schön“, sagt sie. „Mindestens fünfzig Jahre alt.“ Sie wird Tütenlampe genannt, mit Begriffen wie Lampenschirm oder ganz typisch.
Außerdem zeigt sie mir ein radiokonsolengroßes Gerät namens Musiktruhe. In den 1950er-Jahren war dies ein echtes Statussymbol. Heute sei es das Auto, sagt sie. Das Thema Statussymbole ist so umfangreich, dass nicht einmal ein einzelner Artikel ausreichen würde – eigentlich bräuchte man ein ganzes Buch dafür.

Ein Kissen, ein Satz

Auf einem grünen Sessel fällt mir ein Kissen auf, fast wie ein kunstvoll gestaltetes Bild, mit einer Aufschrift. Neugierig übersetze ich den Text – und es öffnet sich mir eine andere Welt:
„Lass die Sorgen Sorgen sein. Lass das Morgen Morgen sein.“
Sprichwörter und Aphorismen sind unbezahlbare Schätze jedes Volkes. Gleichzeitig tragen sie eine starke Lebensphilosophie in sich.

Weitere schöne Worte

Wenn sich schon die Gelegenheit bietet, möchte ich noch einige schöne Redewendungen aus der deutschen Kultur weitergeben.
„Morgen, morgen, nur nicht heute, sagen alle faulen Leute.“ – eine Warnung vor dem Aufschieben.
„Der Morgen ist klüger als der Abend.“ – manchmal ist es besser, eine Sache bis zum nächsten Tag zu bedenken.
„Jeder Tag bringt seine eigene Sorge.“ – lade dir die Sorgen von morgen nicht schon heute auf.
„Die Sorgen nehmen kein Ende.“ – Sorgen hören ohnehin nie auf, also sollte man sich nicht allzu sehr in ihnen verlieren.
„Carpe diem!“ – dieser Spruch ist zwar lateinischen Ursprungs, wird aber auch im Deutschen verwendet: Nutze den Tag, warte nicht auf morgen.

Traktorentag

Nachdem wir das Druckereihäuschen verlassen hatten, gingen wir zu dem großen Gelände, auf dem historische Traktoren ausgestellt waren. Aus einer Drehorgel erklang fröhliche Musik. Ich versuchte mit der Shazam-App herauszufinden, wie dieses wunderschöne deutsche Musikstück heißt – doch wie schon beim letzten Mal gelang es mir nicht.
Heute war Traktorentag. Auf dem Platz waren alte Modelle der Marken Massey Harris, McCormick, Krieger, Hummel, Hofleben (1910) und Kaelble (mit Holzschneidefunktion) ausgestellt. Und doch wirkten sie beinahe wie neu. Am meisten beeindruckte mich der Massey Harris – denn in meinem Dorf und in den ländlichen Gegenden von Konya war er sehr verbreitet. Mein Vater besaß sogar einen Massey Harris aus dem Jahr 1952, den er bis 2001 aktiv nutzte. In meinen Erinnerungen nimmt er einen ganz besonderen Platz ein.

Transportierten Geschichte

Dieser Museumspark wurde 1974 gegründet. Verantwortungsbewusste Entscheidungsträger wollten im Rahmen dieses Projekts die ländliche Architektur, das Handwerk und das Dorfleben bewahren, die im Zuge der Modernisierung vom Verschwinden bedroht waren. Das war wirklich eine originelle Idee. In der Anfangsphase mag sie kostspielig und mühsam gewesen sein, doch mit der Zeit hat sie – davon bin ich überzeugt – einen unschätzbaren Wert erlangt.
Jedes Haus, das wir hier besichtigen, wurde aus einem anderen Ort des Bundeslandes Hessen hierhergebracht. Das war natürlich kein einfacher Prozess. Mehr als hundert Häuser wurden mithilfe eines Nummerierungssystems abgebaut, transportiert und hier originalgetreu wieder aufgebaut. Offenbar werden hier mindestens vierhundert Jahre hessischer Geschichte bewahrt.
Vor jedem Haus steht eine Informationstafel mit dem Namen des Hauses, dem Baujahr, dem Jahr der Umsetzung und dem Herkunftsort. Zum Beispiel: Haus aus Heskem 1674, Haus aus Halbach – Postamt 1678. Vor einigen Häusern liegen farbige Informationsbroschüren aus. Dank ihrer PVC-Beschichtung müssen sie weder Regen noch Schnee fürchten.
Man kommt hier wirklich ins Staunen. Wie schön wäre es, wenn jedes Land einen solchen Park hätte. Besonders an touristisch zentralen Orten – sei es in dieser Form oder auch als Miniaturpark wie Miniatürk. Ja, es wäre kostspielig und aufwendig, aber auch sehr wertvoll. Als lebendige Erinnerung könnten solche Orte über Generationen hinweg besucht werden. So würde kulturelle Kontinuität an kommende Generationen weitergegeben und zugleich anderen Nationen im Rahmen des Tourismus präsentiert. Vielleicht würde das sogar Dialog und kulturellen Austausch fördern.

Hasan Çağlayan
Ober-Mörlen, Oktober 2025

Bir yanıt yazın