Drei architektonische Traditionen
Diese klassischen deutschen Häuser, jedes für sich einzigartig in Farbe, Muster und Bauweise, vermitteln auch architektonisch wertvolle Informationen. In Deutschland sieht man an Fassaden Holz, Stein und Reet (Schilf) – je nach Region und Bautradition.
Die Holzbauweise (Fachwerkhaus / Holzfassade) ist besonders in Hessen, Bayern und Baden-Württemberg weit verbreitet. Jedes dieser Häuser hat eine angenehme, ästhetische Ausstrahlung.
Steinfassaden hingegen finden sich noch heute in historischen Stadtzentren, in Regionen mit mittelalterlichen Burgen und Kirchen. In modernen Bauten werden weiterhin Naturstein oder steinähnliche Verkleidungen verwendet – mit einer ganz eigenen, würdevollen Ästhetik. Die mit Schiefergestein verkleideten Gebäude sehen aus wie eine wunderschöne Rüstung, die an Drachenhaut erinnert.
Was die Reetdächer betrifft (Reetdach, Schilfrohrdämmung): Sie sind vor allem in Norddeutschland bekannt, insbesondere in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Schilfrohrplatten werden zudem für Fassaden und zur Dämmung verwendet. Ich vermute, dass ihre Geschichte so alt ist wie die Menschheitsgeschichte selbst.
Thematische Häuser
Das Haus direkt vor uns wird noch immer als Werkstatt zur Herstellung von Turmuhren genutzt. Standuhren in Menschengröße, Zeiger und Pendel – alles in vielfältigen Formen. Während wir draußen die Details betrachten, begegnen wir einer Dame namens Birgitte Johanna Sofie. Dass sie eine lebenserfahrene Person ist, erkennt man sofort. Sie spricht mit Sabine, und ich verstehe ein wenig mit. Sie war schon in der Türkei, lobte die Gastfreundschaft, erwähnte jedoch auch die streunenden Hunde auf den Straßen. Ich erinnerte mich daran, dass auch der italienische Schriftsteller Edmondo De Amicis in seinem Werk „Istanbul“ davon berichtet. Frau Sofie wurde von ihrem Mann erwartet. Wir verabschiedeten uns herzlich.
Kleine Gärten
Zwischen den Häusern gehen wir weiter, fast so, als würden wir an einer historischen Prozession teilnehmen. Dabei begegnen uns Bauerngärten, die nach einem Herbstpflanzenkonzept gestaltet sind. Sie verleihen dem Ort eine natürliche Atmosphäre. Blumen, Pflanzen und Gemüse in großer Vielfalt: Nachtkerzen, Dahlien, Löwenschwanz – sogar Fenchel. Als ich neben einer Pflanze stehen blieb, um sie genauer zu betrachten, nahm ich einen angenehmen Duft wahr. Erst dann erkannte ich, dass es Fenchel war. Dieses wunderbare Gewürz ist bekannt für seinen Geschmack und seine heilende Wirkung. Offenbar wird es auch hier häufig verwendet.
Beim Gang von Haus zu Haus fallen mir kleine Schilder vor den Bäumen auf. Ich fotografiere sie und lese: Rheinischer Bohnapfel, Madame Verte, Winterbirne, Rheinische Schafsnase, Herbstapfel, Petersbirne. Alles ist hier bis ins Detail durchdacht. Würden Familien in diesen Häusern wohnen, könnte daraus problemlos ein lebendiges Dorf entstehen. Tatsächlich sehen wir, dass in vielen produktionsorientierten Häusern – wie Druckerei, Post oder Bäckerei – Ehrenamtliche tätig sind. Eine sehr schöne Idee: Sie fördert Freundschaften und ermöglicht es zugleich, dieses Erbe an die nächste Generation weiterzugeben.
Meine Mutter im Kopf
Wir betreten ein sehr altes Haus. In der Küche links im Erdgeschoss wirken die Milchzentrifuge, der Küchenherd sowie die Regale voller Marmeladen- und Einmachgläser ausgesprochen nostalgisch auf mich. Besonders der Herd und die Milchmaschine versetzen mich augenblicklich in das Dorf meiner Kindheit. Meine liebe Mutter schöpfte mit genau so einer Maschine die Milch und gewann Rahm. Daraus wurden Butter, Käse und Joghurt – für den täglichen Bedarf oder für den Winter.
Sie ist eine wahre Meisterin der Teigküche. Im Backofen des Herdes bereitete sie “Gömbe,” “Börek” und viele andere Teiggerichte zu, ebenso Bratgerichte und sogar Sardellen. Auf der Herdplatte kochten Bohnen, Auberginen, andere Speisen – und natürlich wurde dort auch Schwarzer Tee aufgebrüht. Es war ein Herd mit Ofen im wahrsten Sinne des Wortes. Doch wer es kennt, weiß: Der Brennstoff war weder Strom noch Holz, sondern getrockneter Dung. Auch davon gab es verschiedene Arten: “Kerme, Kesme, Yapma.” Diese Tage sind vorbei. Alles ist Erinnerung geworden.
Jedes Haus führt den Menschen in eine andere Welt. Wir gehen weiter, bis wir am Ende des Parks Häuser sehen, deren Dächer mit Moos bedeckt sind – äußerst authentisch. Manche Häuser haben sogenannte „Enikli“-Türen: kleine Türen für Menschen, große für Traktoren und andere Fahrzeuge – vermutlich früher auch für Pferde. Noch heute findet man solche Türen in allen südlichen Regionen der Türkei, von Antakya bis Mardin. Ich hatte darüber bereits in “Kentlerden Notlar” geschrieben.
Kaffee- und Crêpe-Pause
Die anderen waren müde geworden. Wir kamen an einem mobilen Stand vorbei, an dem Kaffee und Crêpes verkauft wurden. Sabine und meine Frau setzten sich, meine Tochter und ich stellten uns an. In diesem Moment fühlte ich mich wie ein Einheimischer – wie ein Deutscher. Alles, was wir in diesem Land erleben, ist für mich und meine Familie eine neue Erfahrung. In gewisser Weise sind wir Lernende in allem.
Auch die Speisen, die wir probieren, sind meist neu für uns. Wir unterhalten uns und beobachten dabei unsere Umgebung. Gleichzeitig stellen wir Sabine viele Fragen. Mir ist bewusst, wie sehr wir sie dabei beanspruchen. Einerseits wollen wir unsere Sprachkenntnisse verbessern, andererseits möglichst viel Neues lernen. Doch auch sie hat die Gelegenheit, mit uns Türkisch zu üben. Das macht diese Begegnungen besonders wertvoll.
Ein weitläufiges Bauernhaus
Die sogenannten Ställe für Pferde sowie die Ställe für Schafe und Ziegen sind sorgfältig angelegt. Wir betreten den Innenhof eines großen Bauernhauses. In der Mitte steht ein Walnussbaum; darunter ein Misthaufen. An den Wänden hängen große Waschbecken. In der Küche des Hauses finden sich Kupfergefäße und -teller.
Wie schon in alten schamanischen Vorstellungen sehe ich auch hier über den Türen angenagelte Hufeisen. Sie dienten offenbar dem Glück und dem Schutz. Sowohl in diesem Land als auch in der Türkei sind die Spuren paganer Kultur bis heute sichtbar – eine bemerkenswerte Tatsache.
Gleich links hinter der Eingangstür fallen mir schwere Lederstiefel und Schuhe aus früheren Zeiten ins Auge. Sie spiegeln ein Design wider, das mindestens hundert Jahre alt ist. Zwar ähneln sich die Räume in vielen Häusern, doch keines gleicht dem anderen. In diesem Haus etwa stehen auf dem Nachttisch neben dem Bett eine Kerze und ein heiliges Buch. Es könnte durchaus das Zuhause einer frommen Familie gewesen sein.
Überraschender Innenraum
In einem großen Wohnzimmer fällt mir ein kupfernes Gefäß auf, das Bettflasche genannt wird. Ich finde es ebenso interessant wie schön: Es diente dazu, vor dem Schlafengehen die Füße zu wärmen.
Der Raum ist mit einem roten Teppich, Sesseln, Tisch und Stühlen eingerichtet. In einer Ecke steht ein Spinnrad zum Verspinnen von Wolle. Der Esstisch, eine Petroleumlampe, ein Kronleuchter, eine Standuhr, ein Ofen, ein Sideboard und mehrere Bilder – all das lässt darauf schließen, dass dies einst ein modernes Haus seiner Zeit war. Es gibt sogar einen kleinen Bücherschrank oberhalb eines Schranks.
Alles verändert sich – doch der Wert mancher Dinge bleibt nicht nur bestehen, er wächst sogar.
Ein lebendiger Hof
Wir gehen wieder hinaus in den Hof und nähern uns dem Zaun. Hühner und Hähne, Ziegen und Schafe – und sogar ein zahmes Schwein in einem separaten Bereich. Die Scheune ist mit Ballen sowie mit Weizen- und Roggenstroh gefüllt, um den Winterfutterbedarf zu decken. Gleich daneben befindet sich eine Schreinerwerkstatt. Eine Schleifmaschine für Messer, verschiedene Pflüge, Geschirre und zahlreiche Werkzeuge – es ist ein vollständiger Bauernhof.
Hier herrscht ein Dorfleben, in dem man nahezu alles selbst herstellt und versorgt. Zwar leben auch die heutigen deutschen Dörfer weitgehend autark, doch mit moderner Ausstattung. Ich mache mir Notizen.
Das Webhaus
Ein wenig weiter steht ein faszinierendes Haus für Textilien und Weberei. Wir betreten es, nachdem wir an einem Quittenbaum mit reifen Früchten vorbeigegangen sind. Dieser Ort, an dem aus Pflanzenfasern und Wolle Garne gesponnen und Stoffe hergestellt wurden, ist äußerst beeindruckend. Sowohl Rohmaterialien als auch Kleidungsstücke sind ausgestellt. Besonders auffällig finde ich Stoffproben aus Leinen- und Hanffasern sowie einen Hirtenmantel aus Schafwolle.
An den Wänden hängen Familienfotos aus jener Zeit. Verschleierte Frauen und dazu passend gekleidete Männer – mit ihrer Kleidung wirken sie beinahe wie Menschen aus Anatolien. Offenbar herrschte früher weltweit eine einander ähnliche Kultur und Lebensweise. Der Mensch von heute hat sich im Vergleich dazu stark verändert – nicht nur hier, sondern überall.
Ein Denkmal des Exils
Nachdem wir das Textilhaus verlassen haben, entdecke ich etwas weiter einen historischen Brunnen und fotografiere ihn. Vor einem Baum mit hängenden Äpfeln bleibe ich erneut stehen. Dann fällt mir ein Haus mit einem Güterwaggon davor auf. Wir gehen näher heran. Es handelt sich um ein Gedenkhaus, das die Jahre des Exils in Europa thematisiert.
Während des Zweiten Weltkriegs wurden Menschen aus verschiedenen Ländern in Zügen mit jeweils vierzig Waggons transportiert – dreißig Personen pro Waggon. Es ist nicht schwer, sich die großen Entbehrungen vorzustellen.
Ähnliche Deportationen haben auch viele Menschen aus Afrika und Australien erlebt – allerdings als Weg in die Sklaverei. Später traf es die Völker Turkistans in der Zeit der Sowjetunion. Auch die Deportationen nach Sibirien waren unter den damaligen Bedingungen zutiefst traumatisch. Wie viele weitere, von Menschen verursachte Leiden und Ungerechtigkeiten es wohl noch gegeben hat. All das ist zutiefst bedrückend.
Heute sind alle wohlhabend
Das nahegelegene Haus aus Breitenbach wirkt von außen beinahe neu und erscheint recht groß. Doch im Inneren stelle ich fest, dass es eher klein ist – fast wie ein Familienhotel. Damals wurden die Zimmer einzeln vermietet.
Sabine weist uns auf ein sehr kleines Zimmer hin: das Zimmer des Dienstmädchens. In den Zimmern gab es keine Badezimmer, und die Toilette befand sich draußen. Ich frage, wie man damals gebadet habe. Man habe sich gewaschen und sei einmal pro Woche ins Badehaus gegangen, erklärt sie.
Noch heute gibt es viele Menschen auf der Welt, die über solche Möglichkeiten nicht verfügen. Wir hingegen leben in einer Zeit mit sehr weitreichenden Annehmlichkeiten. Es gibt viel, wofür man dankbar sein kann.
Backtrog und Bäckerschaufeln
Auf dem Weg zu einem weiteren Haus sehe ich einen Birnenbaum (Birnenquitte) und daneben einen kleinen Garten mit einem symbolischen Brunnen. Verschiedene Blumen, Echinacea und Salbei fallen mir auf.
Langsam, notierend, betreten wir ein noch älteres Haus. Ein Backtrog, ein Butterfass, Brotschaufeln, an der Decke aufgehängte Fleisch-, Wurst- und Pastirma-Nachbildungen – all das zieht den Blick auf sich. Unter den damaligen Bedingungen war es schwierig, Lebensmittel haltbar zu machen. Deshalb wurden sie mit dem Rauch des Herdfeuers geräuchert. So verhinderte man das Verderben. Diese Räuchertradition wird bis heute gepflegt – und ist wohl so alt wie die Menschheitsgeschichte selbst. Wirklich faszinierend.
Das Trauhaus: Standesamt
Als die Müdigkeit spürbar wird, treten wir den Rückweg an. Wir haben den Park weitgehend erkundet. Doch als wir ein Standesamt entdecken, können wir nicht widerstehen und gehen noch hinein.
Wie heute in unserem Land gibt es auch dort Stühle in Reihen und in der Mitte einen Hochzeitstisch. Wie viele Paare haben hier wohl geheiratet? Wer hat wohl als Trauzeuge auf diesen Stühlen gesessen? Wo sind sie heute? Hier wirkt jede Realität wie ein Film.
Zeit für die Heimkehr
Nun machen wir uns endgültig auf den Weg zurück. Dieser Ort ist ein lebendiges, gepflegtes Museum – ein funktionales kulturelles Gedächtnis. Von der Bäckerei mit traditionellem Brot über den Marktplatz, den Zuckerbäcker, das Geschäft für klassische Kleidung, bis hin zum Hotel und der Kapelle ist an alles gedacht worden.
Die traditionellen Kleidungsstücke heißen Trachten oder Landhausmode. Für mich tragen sie eine ganz eigene, nostalgische Schönheit.
Im Souvenirladen mit Holzspielzeug und -waren fallen mir besonders die Bienen- und Insektenhotels (Bienenhotel, Insektenhäuser) auf. Auch Fledermaushäuser, Vogelhäuschen, Gartendekorationen und Kompostboxen für gemähtes Gras sind erhältlich. Hier hat sich ein starkes Bewusstsein für den Schutz der Tierwelt entwickelt – und das ist gut so. Ich habe den Eindruck, dass alle Lebewesen in diesem Land sicher und gut aufgehoben sind. Möge es unserem Land ebenso ergehen.
Ja. Eine weitere Reise ist zu Ende. Obwohl ich diesen Ort nun schon zum dritten Mal intensiv besucht habe, bekomme ich nicht genug davon. Etwas zieht mich immer wieder hierher. Ist es die Vergangenheit der Menschheit, die sich mit meiner eigenen verbindet? Oder sind es die Gegenstände und Lebensweisen, die heute vom Modernen verdrängt wurden? Ich weiß es nicht. Vielleicht kommen wir eines Tages, bei einer anderen Gelegenheit, wieder hierher zurück.
Hasan Çağlayan
Ober-Mörlen, Oktober 2025
